Report – Leipziger Buchmesse 2017

Lesedauer: ca. 6 Minuten

23.03.17

Strahlend lächelnde Gesichter, die Wärme des Sonnenscheins in den Hallen, eine leichte Brise Schweißgeruch vom Vordermann, stoisches mitschwimmen im Strom der Massen, und das Beste was man aus Nadelhölzern drechseln kann. Überall duftende Bücher und 285.000 Besucher, die 2.439 Aussteller ihre Aufmerksamkeit schenken wollten. Und das, trotz des exquisiten Wetters.

 

Schon die ersten Vorträge, Lesungen und Präsentationen waren in einer politischen Atmosphäre getaucht, welche sich über die ganze Messe (vom 23.03. bis 26.03.2017) zog. Umso erfreulicher ist es da, dass so viele Jugendliche, Kinder und Schulklassen die Messe besuchten. Allen voran wurde auch der Stand der HTWK mit großem Interesse begutachtet. Am eigenen Stand beginnt auch der Report zur #lbm17, mit der Prämierung des schönsten Buchprojektes durch den Carlsen-Verlag.

Rund 800 Autoren befinden sich in Gefangenschaft, weil sie auf ihr Recht auf Meinungsfreiheit pochen. Damit diese Autoren nicht in Vergessenheit geraten und gehör finden, setzt sich das deutsche PEN-Zentrum dafür ein, diesen Autoren eine Plattform zu bieten, aber auch mit Stipendien zu unterstützen. Auf der Messe wurden jeden Tag einige Texte von Gefangenen und sich im Exil befindlicher Autoren in einer Solidaritätslesung vorgetragen. Zhou Qing, Eva Durán und Ana Lilia Pérez sind einige der Autoren im Writers in Exile-Programm des PEN.

In China geboren, wurde Zhou Qing zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er 1989 in einer Demokratiebewegung mitwirkte. Für sein Buch What Kind of God“ erhielt er einige Auszeichnungen. Heute lebt er in Berlin und arbeitet an einem Dokumentarfilm über das „anti-hoodlum-movement“.

Eva Durán wurde in Kolumbien geboren. Dort eckte sie mit ihren Artikeln über Korruption und Mord bei einigen Leuten an, die sie daraufhin nicht nur verbal belästigten. Sie war gezwungen ihr Äußeres zu ändern, um nicht mehr erkannt zu werden. Zwischen 2006 und 2008 erhielt sie in Köln ein Stipendium.

Mexiko ist das Geburtsland der Schriftstellerin Ana Lilia Pérez. Für die Recherche ihrer prämierten Bücher begibt sie sich immer wieder in Gefahrensituationen und bekommt den Unmut von Mafia, Staat und Konzernen zu spüren. Doch sie pocht weiterhin auf ihr Recht der Meinungsfreiheit. Aktuell ist ihr Buch „Kokainmeere“ bei Pantheon erschienen.

Die wohl wichtigste Veranstaltung an diesem Tag war die Verleihung des Preis der Leipziger Buchmesse.

Buchpreis-Sieger3

Eva Lüdi Kong gewann den Preis in der Kategorie Übersetzung, mit dem Buch „Die Reise in den Westen“. Das rund 400 Jahre alte und 1320 Seiten starke Buch, deren Autor unbekannt ist, liegt nun erstmals auf deutsch vor. Kong, die 25 Jahre in China lebte, war nicht sichtlich überrascht und bedankte sich nur kurz mit einem (wohl chinesischem) Zitat: „Wo immer dieses Buch sich befindet, es wachen die Götter des Himmels darüber“.

Oberbürgermeister Burkhard Jung überraschte in der Kategorie Sachbuch/Essayistik die Autorin Barbara Stollberg-Rilinger mit ihrer Biografie über die Mutter von sechzehn Kindern und Fürstin Maria Theresia. Laut Stollberg-Rilinger: „Ein Buch mit lauter Aktualitätsbezügen, wenn man nur genau hinguckt“.

Die Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst in Sachsen kündigte die Siegern der Kategorie Belletristik an. Sichtlich erfreut schritt Natascha Wodin zum Podest, um den Preis für ihr Buch „Sie kam aus Mariupol entgegen zu nehmen. Ihr Roman erzählt die Geschichte ihrer Mutter, welche 1943 in ein Arbeitslager verschleppt wurde, aber auch über ihre Tante, die zehn Jahre zuvor in einem sowjetischen Straflager war. Wodin wusste zunächst wenig über ihre Mutter, fand aber zufällig im Internet Spuren ihrer Familie, die bis in die Zarenzeit reichen. Dank dieser Serendipität kann Wodin poetisch an den stalinistischen Terror erinnern.

Auch die Preisverleihung war also mit politischem Gehalt gefüllt und drei Frauen standen auf dem Siegertreppchen.

Dank des Leipzig liest…-Programms fanden auch nach der eigentlichen Messe noch Veranstaltungen statt. So beispielsweise die Präsentation der Bücher „Under the Radar und „Taking a Line for a Walk des Spector Verlags im mzin-Store. Gerade aus herstellerischer Sicht war diese Präsentation höchst interessant, da die Bücher nicht nach üblichen Konventionen gestaltet wurden und man einen geschichtlichen Einblick in die Magazingestaltung gewann.

 


24.03.2017

Nachdem am Vortag viele Schüler und Schulklassen anwesend waren, erschien die Messe am Freitag nicht mehr so überfüllt. Stellenweise wurde es dennoch ziemlich eng.

Auch in diesem Jahr wurde Start-Up-Unternehmen etwas Raum geboten. Im Bereich Neuland 2.0 konnten 15 Start-Up-Unternehmen ihre Innovationen vorstellen, welche zum einen von dem Publikum und zum anderen von einer Jury prämiert wurden. Den Publikumspreis bekam die App aBook, mit der man während des Lesens passend akustisch beschallt wird und nicht mehr händisch umblättern muss, dank Eye-Tracking übernimmt das Blättern die App. Von der Jury wurde die Software Booktype ausgezeichnet und mit 3.000 € prämiert. Booktype ermöglicht das gemeinsame Arbeiten und Gestalten an einer Publikation innerhalb eines cloudbasierten Netzwerks. Erwähnenswert ist auch das Start-Up L-Pub, die ein Format entwickelt haben, mit dem es möglich ist im Text bestimmte Wörter oder Wortgruppen nachzuschlagen. So kann ein Text besser verstanden werden, Sprache lässt sich leichter erlernen, oder medizinische Publikationen können mit einer Art interaktive Fußnote versehen werden.

Auch interessant ist Wavefont. Eine Schrift die die Modulation der Sprache in Text umwandeln will. So wird Ton automatisch gewandelt und je nach Tonhöhe und -länge ergibt sich ein anderes Schriftbild. Im Bereich Belletristik ist dadurch zwar die Lesbarkeit gestört, aber für Kinderbücher, Leselernbücher oder gar Untertitel in Filmen bietet Wavefont potential.

Kunst ist ein gern gesehener Gast auf der Messe. Die Ausstellung Paper Dreams/The PROOF Project von Tomasz Gudzowaty ist eine Hommage an die analoge Fotografie und möchte ihr unperfektes Wesen wiedergeben. Im Steidl Verlag ist das dazugehörige Buch erschienen, welches neben den Fotos, auch mit der fein abgestimmten herstellerischen Leistung brilliert.

Mit künstlerischer Finesse beendete die Verleihung der „Schönsten Bücher aus aller Welt“ der Stiftung Buchkunst, den relativ ruhigen Messe-Freitag.

Jeweils eine der fünf Bronzemedaillen gewannen „Withheld due to:“ (Schweiz),UP UP“ (Deutschland),„DWARS VERS“ (Niederlande), „Bernhard Chadebec – Intrus Sympathiques“ (Schweiz) und„Diaries“ (Schweiz). Zwei Silbermedaillen gingen an „Bugs‘ Book“ (China) und „(un)expected“ (Niederlande). Gold gewann „Palimpsest“ aus Tschechien von Petr Jambor. Die höchste Auszeichnung, die Goldene Letter, bekam „Ornithology“ aus den Niederlanden. Wer die Bücher nicht in Natura auf der Messe erleben durfte, kann dies im Deutschen Buch- und Schriftmuseum Leipzig nachholen. Dort werden alle ausgestellten Bücher zugänglich gemacht und können bestaunt werden. Denn auch die Werke, die nicht gewonnen haben, sind wertvoll in ihrer Umsetzung. Leider versteht man den Text der formvollendet prächtigen, chinesischen Publikationen nicht.

Und nach der Messe Leipzig liest… Anlässlich des Erscheinen der letzten Bände 6 und 7 von J. J. Voskuils „Das Büro“ lud der Verbrecher Verlag zur Lesung in das Sächsische Psychiatriemuseum. Im ostalgischen Ambiente und überfüllten Raum, lauschten alle gespannt den amüsanten und unterhaltenden Ausführungen des Übersetzers Gerd Busse. Die Informationen über das wahre Leben Voskuils und des Büros rundeten den Abend ab.

 


25.03.2017

Lesungen. Lesungen. Lesungen. Überall, Lesungen. Welcher sollte man beiwohnen? „Kraft“ von Jonas Lüscher war schonmal ein guter Anfang. Lüscher verarbeiten in seinem neuen Roman seine persönlichen Erfahrungen aus seiner Zeit im Silicon Valley. Dabei geht er auf deren Errungenschaften und Ideen, aber auch auf die Schwächen von uns „Mängelwesen“ ein. Lüscher erzählt nicht wie Silicon Valley die Zukunft verändert, sondern welche Dinge heute dort zu finden sind. Und das mit einer philosophischen Note.kraft

Wie jedes Jahr stellte Denis Scheck gelungene und missglückte Bücher in einem Best of „Druckfrisch“ vor. Scheck begann sogleich mit dem im Jahr 2000 erschienen Buch „Wie man reich wird“ von Donald Trump. In dem Buch denkt Trump daran Präsident zu werden, widerlegt diesen Gedanken aber mit der Begründung, für einen Politiker zu offen zu reden und seiner Abneigung des Händedrucks bei Begrüßungen. Naja.

Eine weitere abwechslungsreiche Preisverleihung versüßte den Besuchern am Nachmittag die Messe. Die Prämierung des ungewöhnlichsten Buchtitels des Jahres 2016. Den dritten Platz belegte dabei Gudrun Skretting mit „Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen“. Platz zwei ging an den Autor mit dem süßen Namen Sebastian Niedlich und sein Buch „Das Ende der Welt ist auch nicht mehr das, was es mal war“. Sieger war Sebastian 23 mit dem Buch „Hinfallen ist wie anlehnen, nur später“. Weitere Titel auf der Shortlist waren: „Als ich in meinem Alter war“; „Über die Erhabenheit toter Katzen und das umwerben trauriger Mädchen“; „Wolke 7 ist auch nur Nebel“.

 


26.03.2017

Der Sonntag eignete sich wunderbar dazu, ohne viel Gedränge durch die Hallen zu flanieren. Viel Platz, durch ein Mangel an Besuchern. Bei durchgehend strahlendem Sonnenschein kein Wunder. Und dennoch wurde der Besucherrekord geknackt.

An den Ständen der Hochschulen und Universitäten gab es einiges zu entdecken. Schade nur, dass die ausgestellten Bücher nicht käuflich zu erwerben waren. Die Hochschulen aus Potsdam und Würzburg präsentierten besonders einfallsreiche und durchdachte Bücher.

Auch wenn man keinen Hang zu Cosplay, Manga und dergleichen hat, ist ein Besuch derhiesigen Manga-Comic-Con anzuraten. Eine andere Welt. Der Leipziger Comiczeichner Schwarwel brachte auch hier etwas Politik ins Spiel. So wurden die Filme „Leipzig von oben“ und1989“ gezeigt.

 

Im übrigen fanden sich im Gastland Litauen wunderbare Bücher.

Auch nach vier Tagen und wiederholtem schlendern entlang den Messeständen, blieb das Gefühl nicht alles gesehen zu haben.

messemann

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